Basiswissen zur Selbsthilfe

Auf dieser Seite finden Sie alle Informationen zum Thema Selbsthilfe, wie die Gestaltung des Gruppentreffens, Grundprinzipien, wissenschaftliche Aspekte zur Wirksamkeit, aber auch allgemeine Fragen, wie zum Beispiel was Selbsthilfe überhaupt bedeutet. 

Leitgedanken

Selbsthilfe ist bunt und vielfältig. Trotz der Unterschiede verbinden Selbsthilfegruppen bestimmte Leitgedanken, die den Kern des Selbsthilfeprinzips ausmachen.

Betroffenheit

Motivation für die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ist die eigene Betroffenheit durch eine Erkrankung, eine Krise oder ein persönliches und gesellschaftliches Anliegen. Betroffen ist man direkt oder indirekt als Angehörige*r oder als Freund*in.

Freiwilligkeit

Selbsthilfe kann nicht verordnet, jedoch empfohlen werden. Der Besuch einer Gruppe entspringt dem eigenen Wunsch sich mit anderen auszutauschen.

Gemeinschaft

Gemeinsam sind wir MEHR und zusammen sind wir nicht allein. Für persönliche Anliegen ist die Unterstützung in einer Gruppe ungeheuer wertvoll. Die Anderen wissen, was SACHE ist und können die eigene Situation nachempfinden und mitfühlen.

Selbstorganisation

Jede Gruppe entwickelt ihr eigenes Profil und bestimmt ihre Themen und Abläufe. Dieser Prozess braucht Zeit und Einsatz aller Beteiligten. Das ermöglicht alle mitzunehmen und die unterschiedlichen Bedürfnisse einzubeziehen.

Selbstbestimmung

Wer an einer Selbsthilfegruppe teilnimmt, ist für sich selbst verantwortlich. Er entscheidet wie viel er einbringt und respektiert gleichzeitig die Persönlichkeiten und Erfahrungen der Anderen. Jeder trägt so zum Gelingen der gesamten Gruppe bei.

Lernwerkstatt

Eine Selbsthilfegruppe ist eine Lernwerkstatt fürs Leben. Hier darf sich der Einzelne ausprobieren, alte und neue Ressourcen entdecken undsich dadurch weiterentwickeln.

Augenhöhe

Selbsthilfe funktioniert ohne professionelle, regelmäßige Anleitung. Eine Unterstützung von Fachleuten aus dem Gesundheits- und Sozialbereich wird von der Gruppe selbst bestimmt und ist zeitlich begrenzt. Dabei ist die Begegnung auf Augenhöhe ein wichtiges Ziel.

Mitbestimmung

Nach dem Prinzip der Gleichheit ist jeder Einzelne der Gruppe zur Mitbestimmung und Mitgestaltung eingeladen. Wenn möglich werden Entscheidungen im Konsens getroffen. Das ist bei größeren Selbsthilfegruppen oder Verbänden schwer zu realisieren. Dann sind demokratische Grundprinzipien das Mittel der Wahl.

Wirkung

Durch neue Perspektiven kann die eigene Lebenssituation verändert werden.  Aber Selbsthilfe wirkt auch in die Gesellschaft hinein:  neue Themen- und Problemfelder werden wahrgenommen und sichtbar gemacht. So können Lösungen angedacht und neue Projekte auf den Weg gebracht werden. 

  • Das bedeutet Selbsthilfe

    Grundsätzlich meint Selbsthilfe die Fähigkeit, sich mit eigener Kraft aus einer Not- oder Problemlage zu befreien bzw. Schritt für Schritt diesen Weg zu versuchen. 

    Selbsthilfe meint aber auch gegenseitige Hilfe im Sinne von solidarischer Hilfe durch “nicht-professionelle Helfer*innen”, die keine Bezahlung erhalten und auch keinen institutionellen Regeln unterliegen. Denn Selbsthilfe gelingt in einer Gruppe von Gleichbetroffenen leichter als alleine, frei nach dem Motto der Anonymen Alkoholiker: „Du allein kannst es, aber du kannst es nicht alleine“. 

    Eine Selbsthilfegruppe ist der freiwillige Zusammenschluss von Menschen. Diese unterstützen und helfen sich mittels solidarischer Interaktionen. Das Engagement in der Selbsthilfe basiert auf direkter Betroffenheit und gemeinsamer Solidarität. 

    Selbsthilfegruppen sind deutlich abzugrenzen zu professionellen Hilfen wie psychologischer oder medizinischer Beratung und Therapie. Hauptanliegen der Gruppe ist der Erfahrungs- und Wissensaustausch, um den Alltag besser zu meistern. In der Regel setzt sich eine Selbsthilfegruppe aus Betroffenen oder/und Angehörigen zusammen: Erfahrene Selbsthilfegruppenmitglieder werden zu „Expert*innen in eigener Sache“ und geben so ihr Erfahrungswissen an neue Gruppenmitglieder weiter. Desweiteren kooperieren viele Selbsthilfegruppen eng mit dem professionellen medizinischen oder sozialen Hilfe-System. Es gibt Selbsthilfegruppen für gesundheitliche und soziale Problembereiche.

  • So entsteht eine Selbsthilfegruppe

    Eine Selbsthilfegruppe entsteht aus dem Bedürfnis betroffener Personen, sich untereinander auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

    Aus ihrer gemeinsamen Betroffenheit heraus entwickeln die Mitglieder von Selbsthilfegruppen Solidarität, Verständnis und gegenseitige Hilfe. Wichtig ist die Tatsache, dass die Gruppe einen “Schutzraum” bietet, in dem Offenheit und Vertrauen möglich sind.

    Durch Erfahrungsaustausch, gegenseitige Entlastung und Ermutigung lernen die Mitglieder voneinander und miteinander.

    Sie tun dies ohne professionelle Leitung, aber durchaus teilweise mit zeitlich begrenzter professioneller Unterstützung (z.B. durch eine Selbsthilfekontaktstelle in der Anfangsphase oder bei Krisen), denn die ständige Anwesenheit von Personen aus dem professionellen Bereich oder anderen Nichtbetroffenen würde sich bei diesem Prozess nachteilig auswirken.

  • So wirkt eine Selbsthilfegruppe

    Die Selbsthilfegruppe stärkt die Menschen in und nach Krisen durch die Entwicklung einer vertrauensvollen Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern. Durch Erfahrungsaustausch, Verständnis und Anteilnahme wird Unterstützung und ein Hilfsnetz aufgebaut.

    So bietet die Gruppe ein geschütztes Lernfeld zur Verbesserung der sozialen Beziehungen. Dieses Modell hat positive Auswirkungen auch auf das Lebensumfeld des Betroffenen außerhalb der Gruppe: Das Selbstwertgefühl wird gefestigt, gesunde Anteile werden gestärkt.

    Außerdem verfügt die Gruppe über zahlreiche Informationen zum eigenen Thema: z.B. zur Krankheit, zur Bewältigung von Folgeproblemen wie der existenziellen Sicherung, der sozialen Beziehungen etc. und welche professionelle Hilfe sinnvoll ist. Dieses Spezialwissen wird vielfach auch von Außenstehenden genutzt, zum Beispiel von Angehörigen und Freund*innen, von Neubetroffenen oder Kooperationspartner*innen aus dem professionellen System.

    Gute Rahmenbedingungen für Selbsthilfegruppentreffen

    Die Dauer eines Treffens sollte zwei Stunden nicht überschreiten, da die Konzentration vor allem in den Abendstunden sonst stark nachlässt. Deshalb ist es wichtig, ein klares Ende der Gruppensitzung zu vereinbaren. Es kann sehr hilfreich sein, zwei Personen mit der Gesprächsmoderation zu beauftragen: eine Moderator*in konzentriert sich auf ein ausgeglichenes Gruppengespräch und dass alle die möchten zu Wort kommen. Die andere Person achtet auf die Einhaltung der Zeit.

    Pausen haben sich in vielen Gruppen bewährt: Eine Pause ermöglicht Sicht- und Platzwechsel und lässt unangenehme Störungen oft gar nicht erst aufkommen: gerade Neulinge können hier mit „alten Hasen“ intensive Einzelgespräche führen und werden oft schneller in die Gruppe integriert.

    Ein informelles Beisammensein: es hat sich bewährt beim Gruppentreffen noch ein informelles „Nachtreffen“ – ein gemütliches Beisammensein – anzukündigen und abzusprechen. Alle die möchten können so - völlig freiwillig und unverbindlich - persönliche Kontakte zu den anderen Gruppenmitgliedern aufbauen und pflegen. 

    Für eine Gesprächsselbsthilfegruppe bietet sich eine Gruppengröße von acht bis zwölf Teilnehmer*innen an, um ein persönliches und intensives Gespräch zu ermöglichen. Bei nach außen orientierten Selbsthilfegruppen oder Selbsthilfeorganisationen gibt es oft wesentlich größere Teilnehmerzahlen: es ist sinnvoll hier immer wieder Raum für Kleingruppenarbeit anzubieten oder durch die Sitzordnung oder eine Zeitaufteilung im Wechsel zum Plenum kleinere Gesprächskreise anzubieten.

    Weitere Rahmenbedingungen: Ein fester Zeitpunkt (variiert in der Regel von einmal wöchentlich bis vierteljährlich) und ein neutraler, verkehrsgünstiger und ungestörter Raum für die Gruppentreffen sind wichtige Voraussetzungen für eine Selbsthilfegruppe. Neben Selbsthilfekontaktstellen bieten sich beispielsweise Weiterbildungseinrichtungen, Beratungseinrichtungen, Kliniken oder Nachbarschaftstreffs oder Gemeindehäuser an, um kostengünstige Gruppenräume für die Treffen zu finden.

    Vorschlag zum Ablauf einer Gesprächsrunde

    • Grundgedanken zu einer Selbsthilfegruppe

      Selbsthilfegruppen sind keine Dienstleistungseinrichtungen, sondern bestehen durch das Prinzip des gegenseitigen Gebens und Nehmens. Ziel sollte deshalb sein, dass alle Mitglieder die Gelegenheit zur stetigen und aktiven Teilnahme erhalten. Mitarbeit und Beteiligung am Gespräch dürfen keinem Zwang unterliegen – sollten aber das Prinzip der Solidarität befolgen.

      Nur wenn die Teilnahme freiwillig erfolgt können sich die Vorzüge der Selbsthilfe entfalten.

    • Eingangsrunde

      Am Anfang jedes Gruppentreffens kommt jede*r Teilnehmer*in zu folgenden Fragestellungen kurz zu Wort: Wie geht es mir? Wie fühle ich mich? Welche Themen vom letzten Treffen haben mich noch weiter beschäftigt? Was erhoffe ich mir vom heutigen Treffen? Habe ich ein Thema, Problem, das ich unbedingt heute besprechen möchte?

      Dieses Anfangsblitzlicht sollte nicht zu lange dauern und muss deshalb gut von der gewählten Gesprächsleitung moderiert werden. Kurze Beiträge, möglichst ohne Nachfragen, jedoch ohne den Zwang etwas sagen zu müssen, haben sich in der Regel bewährt.

      Auch bei Gruppen, die sich schon länger treffen, ist es gerade für neue Mitglieder wichtig, dass sich alle Anwesenden kurz in der Anfangsrunde vorstellen.

    • Hauptteil der Gruppensitzung

      Für den Kernteil des Treffens kann es sinnvoll sein, Gesprächsthemen zu sammeln und die Bearbeitung dieser Themen für bestimmte Treffen zu vereinbaren. 

      Dazu können auch von einigen Teilnehmer*innen der Gruppe Vorbereitungen getroffen werden: zum Beispiel ein Fachartikel, ein Einstiegsvortrag, ein Rollenspiel, eine Geschichte oder andere Methoden lebendigen Lernens wie z.B. Körper- und Entspannungsübungen, Phantasiereisen oder Gymnastik. 

      Um das hohe Informationsbedürfnis zum eigenen Thema zu stillen, hat sich auch die Einladung von Referent*innen von außen zu bestimmten Themen bewährt.

      Das vereinbarte Thema sollte in der Regel bearbeitet werden, es sei denn ein besonders dringliches Problem eines Gruppenmitgliedes steht an (ergibt sich meist aus der Eingangsrunde).

      Auch in diesem Hauptteil der Gruppensitzung kann ein kurzes Zwischenblitzlicht ein gutes Medium sein, um „Störungen“ in der Gruppenatmosphäre ans Licht zur bringen. Jeder der Teilnehmer sollte das Recht haben, eine solche kurze Zwischenrunde einzufordern. Zum Beispiel wenn der Gruppenablauf ins Stocken gerät; wenn vom Thema weg geredet wird; wenn langes Schweigen eintritt; wenn Uneinigkeit über das Vorgehen oder den weiteren Verlauf besteht; wenn ein Gespräch sehr lange zwischen wenigen Teilnehmer*innen hin und her geht.

    • Schlussrunde

      Den Abschluss jedes Gruppentreffens bildet eine kurze Feedbackrunde (Abschlussblitzlicht), die allen Beteiligten die Gelegenheit bietet Rückmeldungen zum heutigen Treffen zu geben und Ideen für die nächsten Treffen einzubringen: Wie ist es mir ergangen beim heutigen Gruppentreffen? Was ich eigentlich noch sagen wollte. Welche Erwartungen habe ich an das nächste Treffen?).

      Erfahrungsgemäß fällt es schwer das Abschlussblitzlicht einzuhalten (die ersten wollen gerade heute früher gehen, das Thema war so spannend, die Gruppe findet „kein Ende“). Es ist aber von großer Bedeutung, dass möglicher Ärger oder Frustration durch das Ansprechen ein Ventil erhält und die Gefahr verringert, dass Teilnehmer*innen kommentarlos weiteren Gruppentreffen fernbleiben.

    • Die Anonymen Gruppen- ein besonderes Konzept

      Eine Besonderheit sind die “Anonymen Gruppen” (z.B. die Anonymen Alkoholiker) mit ihrem eigenen Konzept, das auf zwölf Schritten und zwölf Traditionen (siehe auch Blaues Buch der Anonymen Alkoholiker) beruht. Weitere Kennzeichen sind die Anonymität, die Unabhängigkeit von finanziellen oder anderen Förderern, offene Meetings ohne vereinbarte Verbindlichkeit, sowie eine spirituelle Dimension. Diese Gruppen finden sich vor allem im Bereich von Suchterkrankungen und psychosozialen Problemen und sind weltweit verbreitet.

      Die Spielregeln

      Damit der Ablauf der Gruppentreffen möglichst reibungslos funktioniert und sich eine Atmosphäre des Vertrauens entwickeln kann, sind von der Gruppe beim Start bestimmte Regeln zur Gruppenarbeit gemeinsam zu vereinbaren. Hier eine Zusammenfassung von bewährten “Spielregeln” einer Selbsthilfegruppe, die jedoch je nach Gruppe abgewandelt werden können.

      • Ich nehme die Zeit der anderen ernst und bin pünktlich.
      • Ich gehe vertraulich mit persönlichen Aussagen aus der Gruppe um.
      • Ich höre aufmerksam und respektvoll zu.
      • Ich darf auch schweigen.
      • Ich spreche von mir und meinen Erfahrungen.
      • Ich achte darauf, dass auch andere zu Wort kommen und fasse mich kurz.
      • Ich sage, wenn ich eine Pause brauche.
      • Ich sorge für mich in der Gruppe wie eine gute Freund*in.
      • Ich sage in der Gruppe, wenn mir etwas nicht gefällt.
      • Ich spreche in der ICH-Form.
      • Ich übernehme Verantwortung für das Gelingen der Gruppe.
      • Nichts muss, alles kann.
      • Es gibt kein richtig oder falsch.

      Es gibt keine allgemein verbindlichen Regeln für die Arbeit in Selbsthilfegruppen. Jede Gruppe entscheidet selbst, welche Regeln für sie Sinn machen.

      Experte in eigener Sache

      Was Sie schon immer über Selbsthilfe wissen wollten, aber niemanden fragen konnten: Sitzen wirklich alle immer im Stuhlkreis? 

      Was ist Ihre erste Vorstellung davon, welche Menschen Selbsthilfegruppen besuchen? 
      Sehen Sie vor Ihrem inneren Auge gleich ein lebendiges und lustiges Zusammentreffen von Menschen? 
      Oder stellen Sie sich traurige Gesichter vor? Menschen, die im Stuhlkreis sitzend,  sich im Leiden übertreffen?
      Oder hören Sie bei dem Begriff  eher die innere Stimme, die sagt:  „Ja das kenn ich schon! Hilf Dir selbst!“ 
      Und spüren Sie dann eher ein enges Gefühl und sind froh, dass Sie keine Selbsthilfegruppe brauchen oder: noch nicht brauchen?  
      STOPP! Unterbrechen Sie Ihre Problemphantasien! 
      Das, was die Menschen in einer Selbsthilfegruppe tun, ist meist ganz anders! Nimm Dir, was Du brauchst - den Rest lass hier!

      In einer Selbsthilfegruppe treffen sich Menschen, weil sie es gerne tun und weil sie sich freuen, Gleichgesinnten zu begegnen. Weil sie für sich wissen, dass der Austausch mit anderen hilft.  
      Das „Problem“, das die Menschen verbindet, wird für sie kleiner in der Gemeinschaft: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“ Selbsthilfeaktive beschreiben oft das befreiende Erleben, dass sie sich von den anderen in der Gruppe schnellverstanden fühlen und die Krankheit, Krise oder schwierige Lebenssituation gar nicht so viel Aufmerksamkeit in den Treffen braucht. 

      In der Gruppe geht es sehr viel mehr darum, „Erfahrungswissen“ zu teilen und herauszufinden, ob das, was andere erproben, auch für den eigenen Alltag tauglich ist. 

      „Nimm Dir, was Du brauchst – den Rest lass hier!“ ist ein Slogan aus der Selbsthilfe, der gut beschreibt, was wesentlich ist:   jedes Gruppenmitglied darf seinen eigenen Weg gehen, jeder ist Experte nur für sich. 

      Die Gruppenmitglieder hören zu, nehmen sich Zeit, stärken, machen Mut, ermuntern Neues auszuprobieren.  
      Die Kontakte aus der Selbsthilfe schaffen neue soziale Bezüge, können Rückzug durchbrechen und  geben Orientierung und neuen Halt.
      Dass Selbsthilfe das Selbstbewusstsein erhöht, Eigenaktivität fördert und damit die eigene Autonomie und  Unabhängigkeit erweitert ist vielfach erforscht und mittlerweile unumstritten. 

      Zitat entnommen aus einem Artikel für die Regensburger Zeitung Donaustrudl. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von KISS Regensburg

      Neue Trends in der Selbsthilfe

      • Selbsthilfe ist angekommen

        Stand die Selbsthilfe vor einigen Jahren noch im Ruf des Randgruppenphänomens, ist sie nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bei vielen Themen oder Erkrankungen ist es fast normal geworden, dass der Arzt, die Therapeutin oder der Berater auf die Möglichkeiten der Selbsthilfe verweisen. Die Selbsthilfe hat durch die starke „Nachfrage“ ihr "Angebot" sehr erweitert. Neben klassischen Gesprächsrunden bieten viele Initiativen telefonische Beratung oder Besuchsdienste an und beteiligen sich an Fachtagen und Gremien.
        Diese positive Entwicklung führt an manchen Stellen dazu, dass manche Interessierte Selbsthilfe mehr konsumieren anstatt sich aktiv daran zu beteiligen. Überforderungstendenzen der ehrenamtlich in der Selbsthilfe Engagierten sind immer wieder die Folge. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wird in den nächsten Jahren eine Aufgabe der Selbsthilfe und somit auch der Selbsthilfeunterstützung sein.

      • Generationswechsel gestalten

        Die Gründergeneration der großen Selbsthilfeverbände – gerade im Bereich von Volkskrankheiten – möchte, häufig altersbedingt, Verantwortung abgeben. Demgegenüber stehen junge Engagierte, die vor den umfangreichen und traditionsreichen Aufgabenfeldern zurückschrecken oder andere Formen von Engagement suchen. Wie bei jedem Generationswechsel braucht es hier eine gute Mischung vom Bewahren der Tradition und der Offenheit für neuen Ideen. Damit die Selbsthilfe aus diesem "Wechsel" gestärkt hervorgeht, sind kreative Ideen und die fachliche Unterstützung durch eine Selbsthilfekontaktstelle oder andere Fachpersonen gefragt. 

      • Nicht nur reden, sondern tun!

        Der Austausch mit Gleichbetroffenen fand viele Jahre hauptsächlich indikationsbezogen oder problemorientiert statt. Hier ist eine Veränderung wahrzunehmen: Der Austausch wird zunehmend dafür genutzt positive Haltungen oder in Therapien gelernte Methoden zu teilen und im Alltag umzusetzen. So entstehen aus klassischen Gesprächsgruppen Initiativen, die sich für ihre Belange einsetzen. Beispielsweise machen sich Angehörige von Kindern mit Downsyndrom für selbstbestimmte Wohnformen ihrer Kinder stark. Oder Teilnehmerinnen bzw. ehemalige Mitglieder aus klassischen Selbsthilfegruppen gründen indikationsübergreifende Gruppen, um dort erlernte Bewältigungsstrategien wie z.B. gewaltfreie Kommunikation oderprogressive Muskelentspannung gemeinsam zu üben.

      • Selbsthilfe wird bunter – neue Formen der Selbsthilfe entstehen

        Kulturelle und weitere gemeinschaftliche Aktivitäten der Selbsthilfe entstehen vor allem dort, wo Selbsthilfe durch eine Kontaktstelle gut vernetzt ist und die Gruppen sich gemeinsam weiterentwickeln können. So entstehen nicht nur Meditations- und Bewegungsgruppen,  sondern auch Theater-, Tanzgruppen  und Chöre. Oder man trifft sich einfach zum gemeinsamen Kochen oder Spielen. Dieser ergänzende Zugang zur Selbsthilfe hat sich besonders in der Migrationsselbsthilfe bewährt. In den Gruppen finden die Teilnehmenden über das gemeinsame Tun einen Weg zum Gespräch und tieferen Austausch.

      • Steigerung der Selbsthilfe - Aktivitäten im psychosozialen Bereich

        In den Selbsthilfekontaktstellen gibt es eine steigende Tendenz hinsichtlich der Beratungen im psychosozialen Bereich: So haben Anfragen und Gruppengründungen zu Depressionen, Burnout, Ängsten und neuen vor allem nichtstoffgebundenen Süchten wie z.B. Essstörungen, Kaufsucht oder Onlinesucht stark zugenommen. 

        Positive Effekte der Selbsthilfe aus wissenschaftlicher Sicht

        Dass die Selbsthilfe wirkungsvoll ist, kann sich wohl jeder vorstellen. Aber wieso das so ist wurde seit vielen Jahren nur von Betroffenen erlebt, aber kaum erforscht. 

        Seit 2012 erforschen das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Medizinische Hochschule Hannover und die Universität zu Köln was gesundheitsbezogene Selbsthilfe leisten kann und inwieweit sie gewinnbringend ist. 

        Die mehr als eindeutigen Ergebnisse, der Aufbau der Studie und Teilnehmer*innen sind in einem Fact-Sheet zusammengefasst, dass Sie sich hier anschauen und herunterladen können. 

        Wegweiser „Gemeinsam – Selbsthilfe in Bayern“

        Der aktualisierte Wegweiser „Gemeinsam – Selbsthilfe in Bayern“ ist in dritter Auflage im Oktober 2018 erschienen. Die Broschüre informiert auf 76 Seiten rund um das Thema Selbsthilfe in Bayern. 

        Im Wegweiser erzählen Frauen und Männer aus der Selbsthilfe, aus welchen Gründen sie als Betroffene selbst aktiv wurden und warum ihnen ihre Selbsthilfegruppe so wichtig ist. Fachleute wie die Mitarbeiterinnen von Selbsthilfekontaktstellen oder Ärzte und Apothekerinnen berichten, wie und warum sie mit Selbsthilfegruppen gerne zusammenarbeiten.

        Ergänzt wird die Vorstellung durch Informationsblöcke und Sachartikel, die kurz und knackig die wichtigsten Fakten zum jeweiligen Thema enthalten. Außerdem gibt es Informationen zur Struktur der Selbsthilfe, sowie eine beispielhafte Liste der Selbsthilfethemen in Bayern. Hauptzielgruppe des Wegweisers sind Fachleute aus dem Gesundheits- und Sozialbereich und freiwillig Engagierte in der Selbsthilfe. Während die erste Auflage 2016 durch die bayerische Apothekerkammer und den bayerischen Apotheker-Verband, die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns und die Fördergemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen finanziert wurde, wurde die dritte, aktualisierte Auflage 2018 ausschließlich von letzteren finanziert.