Bayernweiter Selbsthilfefachtag Sucht & Gesundheit am 05.07.2019 in Neu-Ulm

Sucht & Co - Sucht kommt selten allein und nicht aus heiterem Himmel

"Mein Name ist Kranich"

So beginnt der Text (siehe unten) einer Betroffenen, die sich kreativ rund ums Thema Sucht sowie mit Methoden aus dem Poetry Slam mit ihrer Geschichte auseinandersetzte.

Sabine Krätschmer (Kreisrätin Neu-Ulm), Michael Stahn (KVB), Christine Lübbers (Geschäftsführerin Selbsthilfebüro KORN e.V.), Irena Tezak (SeKo Bayern), Gerold Noerenberg (Oberbürgermeister Stadt Neu-Ulm), Lydia Ringshandl (Selbsthilfebüro KORN e.V.)

Der 10. Selbsthilfefachtag Sucht und Gesundheit mit dem Titel „Sucht & Co - Sucht kommt selten allein und nicht aus heiterem Himmel“ fand am Freitag, den 5. Juli 2019 in Neu-Ulm statt. In seinen Grußworten lobte Oberbürgermeister Gerold Noerenberg die wertvolle Arbeit der Suchtselbsthilfe. Auch die stellvertretende Landrätin Sabine Krätschmer wusste um die heilsame Wirkung der Gruppenarbeit. 

Wie eine Sucht entstehen kann erläuterte zunächst die Suchttherapeutin Marion Richter in ihrem Impulsvortrag. Danach setzten sich die Teilnehmenden auf teils ungewöhnliche Weise in vier Workshops mit dem Thema Sucht und Gesundheit auseinander.

Sucht und Psychische Erkrankungen gehören häufig zusammen und auch Depressionen werden (endlich) weniger tabuisiert.

In Rollenspielen konnte die soziale Kompetenz trainiert werden, wobei sich selbst Skeptiker überzeugen ließen. 

Und was Angehörige für sich tun können, wenn der Partner oder die Partnerin „trockengelegt“ sind, war ebenfalls Thema. Denn dann fängt es eigentlich erst richtig an. Die Dynamik in der Familie ändert sich, Rollen werden neu verteilt. 

Wie gut es ist und sein kann, die Selbsthilfe in all ihren Facetten immer wieder zu erleben und wie gut es tut, gemeinsam zu wachsen, das bestätigten die Teilnehmenden durch ihre engangierten Diskussionsbeiträge in den Workshops und dem anschließendem Austauschcafé. 

Zusammenfassung der Workshops

 

Workshop 1: Sucht und Schreiben 

Schreiben und Süchte - wie passt das zusammen? Also erstmal: Poetry Slam kann süchtig machen! Mittels verschiedener kleiner Schreibimpluse rund ums Thema Sucht und Süchte sowie mit Methoden aus dem Poetry Slam zeigte Pauline Füg den Teilnehmerninnen, wie sie kreativ über Sucht nachdenken können. Einige kreative Impressionen der Teilnehmer*innen können Sie hier nachlesen: 

  • Mein Name ist Kranich

    Ich fliege mit meiner Schar in zweiter Reihe Richtung Himalaya, um ihn zu überwinden.

    Ich träume davon diese Hürde gemeinsam zu schaffen, um dann einen Nistplatz zu finden.

    Ich hatte vor langer Zeit den Versuch unternommen. 

    Nun aber wird’s gelingen.

    Die ganze Zeit fühle ich mich „beflügelt“, voller Tatendrang, die Gemeinschaft trägt.

    Oft darf ich dazulernen und morgen ist ein neuer Tag, ein Geschenk, Verantwortung, Liebe…..

    Gestern ist geschehen.

    Jetzt nehme ich am Leben teil.

  • Mein Name ist Säule

    Ich bin grau und bin jetzt hinter Pauline. Ja, so ist das. Ich bin da und ich denke auch sehr wichtig, aber viele, sogar sehr viele nehmen mich absolut nicht wahr.

    Ich träume davon mehr akzeptiert zu werden. Das ist doch echt ein schöner Satz. So etwas wurde von mir noch nie abverlangt. Aber natürlich habe ich Träume, viele Träume sogar.

    Ich hatte schon sehr viele Erlebnisse. Und mitbekommen tut man sehr viel. Erst recht dann, wenn man gar nicht so beachtet wird, sprich unauffällig ist. Menschen kommen und gehen. Und wie unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich wie die Veranstaltungen im Hause. Als ob sich die Menschen den Veranstaltungen anpassen. Klar, bei einem Sinfoniekonzert sind sie anders, als bei einem Rockkonzert. Irgendwie sind die Menschen schon allein bei der Veranstaltung, egal welcher, anders als sonst.

  • Mein Name ist Herr Verständnisvoll

    Ich träume (da)von meist ohne Groll

    Ich hatte mich schon oft gefragt 

    Die ganze Zeit jedoch nichts gesagt 

    Oft reicht mein Verständnis zwar für jedermann

    Doch wann bin ich wohl selbst mal dran?

    Morgen werd ich zur eigenen Meinung stehen

    Und die Andren werden sehen

    Gestern Ist Vergangenheit

    Bin für neues nun bereit

    Jetzt habe ich diesen Entschluss gefasst

    Ich Mach mein Ding – wenn ihr mich lasst!

  • Mein Name ist Herr Führerschein

    Ich träume (da)von ein Fahrzeugführungspapier zu sein

    Ich hatte richtig gute Tage

    Die ganze Zeit in der Autofensterablage

    Oft jedoch – es war wohl des Besitzers Wille

    Morgen schon mit 2 Promille

    Gestern ist er aufgeflogen

    Jetzt hat man mich eingezogen

  • Mein Name ist Brennnessel

    Mich gibt es überall

    Ich träume davon Menschen helfen zu können. Ich träume von Menschen die sich helfen lassen wollen. 

    Ich habe heilende Kräfte, die von den Menschen oft vergessen werden. 

    Die ganze Zeit werde ich gemieden, weil ich beim unvorsichtigem Berühren die Haut der Menschen verbrenne. 

    Oft wird mir gesagt, dass ich gar nicht in diese Welt gehöre, beziehungsweise nur sinnlos bin. 

    Morgen werde ich meine Blüten, Blätter und Samen an die Insekten und Menschen verschenken. Dadurch bleibt die Natur erhalten und der Blutkreislauf der Menschen wird gereinigt. 

    Gestern habe ich die Sonne genossen. 

    Jetzt geht es mit gut. Ich kenne meinen inneren Wert. Bin dankbar, dass ich geboren wurde. Ich bin glücklich und zufrieden. 

    Workshop 2: Ursachen der Sucht im sozialen Umfeld sehen und angehen – Ein Selbsthilfeweg 

    Suchterkrankungen können nicht nur Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben – auch das soziale Umfeld selber kann dazu beitragen, dass ein Mensch abhängig wird. Ein Betroffener berichtet, welchen Einfluss Angehörige auf die Entstehung seiner Krankheit hatten und wie ihm die Selbsthilfearbeit geholfen hat Worte zu finden, um seine Suchterkrankung zu bearbeiten. In dem Workshop ging es außer­dem darum Methoden zu erarbeiten, Angehörige zu sensibilisieren „hinter die Kulissen“ der Sucht zu schauen, damit diese mit gesundem Abstand feinfühlig, verständnisvoll und unterstützend agieren können.

    Refernt: Selbsthilfeaktiver vom Kreuzbund Ulm-Söflingen

    Workshop 3: Ausgrenzung als Folge – und mein Weg zurück

    Obwohl sich die Ursachen und Mechanismen von Suchterkrankungen heute wis­senschaftlich erklären lassen, werden suchtkranke Menschen im Alltag und in der Gesellschaft häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Das soziale Umfeld ist immer noch nicht ausreichend für Abhängigkeitserkrankungen sensibilisiert, was wiederrum zu großen Unsicherheiten, Missverständnissen und Frustration auf beiden Seiten führen kann. In diesem Workshop wurden die schwierigen Frage­stellungen rund um das Thema „Ausgrenzung als Folge der Sucht“ spielerisch bearbeitet.  

    Referentinnen: Christin Krieger, Dipl. Sozialpädagogin (FH), Sozialtherapeutin (Sucht) und Verena Schneider, Sozialpädagogin (B. A.), beide aus der Suchtberatungsstelle Diakonisches Werk Neu-Ulm

    Workshop 4: Sucht und psychische Erkrankungen 

    Im Workshop Nr. 4 beschäftigten sich die Teilnehmer*innen mit dem Thema Sucht in Verbindung mit psychischen Erkrankungen und deren Folgen für die Selbsthilfearbeit.

    „Mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen unserer Gruppe leiden neben der Sucht zusätzlich an einer psychischen Erkrankung“, berichtete ein Selbsthilfeaktiver vom Freundeskreis Ulm, der den Workshop mit zwei weiteren Teilnehmerinnen der Gruppe sowie mit Herrn Tiltscher von der Suchtberatungsstelle der Caritas Ulm gemeinsam leitete. Auch die 22 Teilnehmer*innen stellten fest, dass Mehrfacherkrankungen in der Selbsthilfe zunehmend zu beobachten sind. Insbesondere Depressionen und Ängste seien, laut Einschätzung der Anwesenden, häufige Diagnosen in Verbindung mit einer Suchterkrankung.

    Eine Teilnehmerin des Freundeskreises Ulm erzählte von ihren Erfahrungen als Tochter eines suchtkranken Vaters. Die Sucht habe das gesamte Familienleben und auch das soziale Umfeld beeinflusst. Um den Teufelskreis der Co-Abhängigkeit zu durchbrechen, habe es ihr geholfen, gut für sich zu sorgen und sich in der Selbsthilfegruppe auszutauschen. So konnte sie lernen, besser mit der Suchtproblematik in der Familie zu leben und nicht selbst psychische Probleme zu entwickeln.

    Eindrücke weiterer Teilnehmer*innen unterstrichen die Aussage, dass der Besuch einer Selbsthilfegruppe zum Genesungsprozess beiträgt und eine wertvolle Stütze ist, auf dem langen Weg aus der Sucht. Der besondere Wert der Selbsthilfe liegt darin, dass die Teilnehmer*innen offen über Ihre Situation sprechen können und Verständnis erfahren. In der Gruppe braucht sich niemand „verstecken“ oder eine „heile Welt“ vorspielen, wie es viele Suchtkranke oder auch deren Angehörige im Alltag oft tun, um das Suchtproblem zu verbergen.

    Ob zuerst eine Sucht oder eine psychische Erkrankung vorliegt, ist ebenso schwer zu beantworten wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei, stellten die Teilnehmer*innen fest. So würden Depressionen nicht selten Suchterkrankungen auslösen. Im Falle von Mehrfachdiagnosen werde zunächst die Suchterkrankung behandelt, erläuterte Herr Tiltscher von der Suchtberatungsstelle der Caritas Ulm.

    Wichtig ist, dass Betroffene und Angehörige den ersten Schritt machen und sich Hilfe suchen. Hilfe bieten die Suchtberatungsstellen, deren vertrauliches Angebot offen ist für Menschen, die das Gefühl haben, ein Suchtproblem zu haben, oder für Angehörige und Freunde von Menschen mit Suchtproblem, so Herr Tiltscher. Selbsthilfe arbeitet heute „Hand in Hand“ mit den Suchtberatungsstellen. Viele Einrichtungen haben den Mehrwert durch Selbsthilfe für ihre Klienten erkannt und weisen gerne darauf hin. Ebenso stellen viele Beratungsstellen Räume für Gruppentreffen zur Verfügung. Auch die Vernetzung von Selbsthilfe und niedergelassenen Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen sei sehr wichtig, damit suchtkranke Menschen an die für sie geeigneten Hilfsangebote gelangen.

    Als Fazit trugen die Workshop-Teilnehmer*innen zusammen, dass Mehrfachdiagnosen in der Selbsthilfe aktuell eine große Herausforderung sind, auf die sich die Gruppen zunehmend einstellen müssen. Um eine Überforderung der Selbsthilfe durch Teilnehmer*innen mit Mehrfacherkrankungen zu verhindern, sollten insbesondere Gruppenansprechpartner*innen sich gut abgrenzen und ggf. auf das professionelle Hilfesystem verweisen. Selbsthilfe ist eine wertvolle Ergänzung zu einer medizinischen/therapeutischen Behandlung.