Versöhnung mit dem Alltag

Selbsthilfe als tragendes Netz im Gesundheitswesen

Beim 12. Bayerischen Selbsthilfekongress in Hof trafen sich 280 Teilnehmende aus ganz Bayern und Gäste aus den angrenzenden Bundesländern, um sich unter dem Motto „Tragende Netze erleben – Selbsthilfekompetenz im Gesundheitswesen“ auszutauschen und zu vernetzen.

Die sehr persönlichen und wertschätzenden Grußworte von Schirmherrin Kerstin Schreyer bestätigten die anwesenden Betroffenen und Angehörigen in ihrem Tun und machten Mut, dranzubleiben und sich weiterhin zu engagieren. „Der Bauch ist manchmal auch ein guter Kopf, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen“, verriet sie über sich.

Prof. Dr. Armin Nassehi vom Lehrstuhl für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München überzeugte durch seine Wortgewandtheit, seinen Witz und seine deutlichen Aussagen. Seiner Einschätzung nach brauchen wir „Übersetzung von spezialisiertem Wissen in die Sprache der Betroffenen“ und eine „Versöhnung mit dem Alltag“. Dies erfordere andere Zeitstrukturen, insbesondere bei chronisch Kranken. Während die Krankenrolle gewöhnlich endlich, sprich zeitlich begrenzt ist, müssen sich chronisch Kranke darauf einstellen, oft viele Jahre mit ihrer Erkrankung zu verbringen – dies erfordert ein Umdenken bei allen Beteiligten. 

Theresa Keidel, Stadträtin Eva Döhla, Staatsministerin Kerstin Schreyer, Renate Mitleger-Lehner, Ulrike Beck-Iwens, Sebastian Oehme, Irena Tezak, Klaus Grothe-Bortlik
v.l.n.r. Theresa Keidel, Stadträtin Eva Döhla, Staatsministerin Kerstin Schreyer, Renate Mitleger-Lehner, Ulrike Beck-Iwens, Sebastian Oehme, Irena Tezak, Klaus Grothe-Bortlik

Kommunikative Fähigkeiten von Gesundheitsprofis und Betroffenen sind also gefragt, die Gesundheitskompetenz kann hier nur der erste Schritt sein.

Am Nachmittag standen sechs Foren und Workshops auf dem Programm. „Sei gut zu Dir - Achtsamkeit und Selbstmitgefühl im Alltag“ war neben „Patientenkompetenz und was kann gemeinschaftliche Selbsthilfe leisten?“ das begehrteste Thema.

Aber auch mit „In Bewegung“, „Netzwerken – wie geht das?“ und einem hochkarätig besetzten Forum „Tinnitus - Selbsthilfe verschafft sich Gehör“ konnten sich die Kongressbesucher*innen auseinandersetzen. 

Hof war erstmalig Veranstaltungsort des Selbsthilfekongresses, der aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie Hochfranken in der Freiheitshalle stattfand. 

Gefördert wurde die Veranstaltung von der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern, der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, der Bayerischen Landesapothekerkammer, dem Bayerischen Apothekerverband e.V. und erstmalig auch der Bayerischen Psychotherapeutenkammer. 

Inhaltlich und organisatorisch verantwortlich waren die Selbsthilfekoordination Bayern, der Verein Selbsthilfekontaktstellen Bayern e.V. und die Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie Hochfranken.

Dokumentationen & Präsentationen Plenumsvortrag, Foren und Workshops

Plenumsvortrag  "Gesundheitskompetenz und ihre Bedeutung"

Im Plenumsvortrag "Gesundheitskompetenz und ihre Bedeutung" überzeugte Prof. Dr. Armin Nassehi vom Lehrstuhl für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München durch seine Wortgewandtheit, seinen Witz und seine deutlichen Aussagen. Seiner Einschätzung nach brauchen wir „Übersetzung von spezialisiertem Wissen in die Sprache der Betroffenen“ und eine „Versöhnung mit dem Alltag“. Dies erfordere andere Zeitstrukturen, insbesondere bei chronisch Kranken. Während die Krankenrolle gewöhnlich endlich, sprich zeitlich begrenzt ist, müssen sich chronisch Kranke darauf einstellen, oft viele Jahre mit ihrer Erkrankung zu verbringen – dies erfordert ein Umdenken bei allen Beteiligten. Kommunikative Fähigkeiten von Gesundheitsprofis und Betroffenen sind also gefragt, die Gesundheitskompetenz kann hier nur der erste Schritt sein.

 

Forum "Patientenkompetenz im Fokus - was kann gemeinschaftliche Selbsthilfe leisten?"

Nach dem Impulsvortrag von Frau Jablostchkin, wissenschaftliche Mitarbieterin Stiftungsprofessur Selbsthilfeforschung, berichtet die Selbsthilfeaktive Frau Schall über die Arbeit ihrer Krebs-Selbsthilfegruppe. 

Die Herausforderung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe ist es, dass die meisten Menschen den Weg in eine Gruppe nicht finden und das trotz der vielen positiven Wirkungen der Selbsthilfe. 

Eine ausführliche Dokumentation des Forums und die Päsentation von Frau Jablotschkin können Sie hier herunterladen. 

 

Forum Tinnitus: Selbsthilfe verschafft sich Gehör

Die Erfahrungsberichte der beiden Selbsthilfeaktiven Steffi Daubitz und Josef Rupprecht bildeten den Auftakt des Forums.

Anschließend gab es drei Fachvorträge über Auslöser, Diagnostik und Behandlung von Tinnitus:

  • Tinnitus - woher kommt das Phantomgeräusch und was sollte bei der Diagnostik beachtet werden? Referent: Prof. Dr. med. Dr. med habil. Gerhard Goebel, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Tinnitus-Liga e.V.,  Prien, Wuppertal
  • Lärm macht doof – Lärm als Umweltbelastung und Auslöser von Tinnitus, Schwerhörigkeit und Hyperakusis - Referent. Volker Albert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Tinnitus-Liga e.V., Wuppertal
  • Tinnitus und Psychotherapie, PD. Dr. Martin Schecklmann

Die Folien des Vortrags von Herrn Dr. Martin Schecklmann können Sie hier herunterladen: 

 

Netzwerken - was ist das und wie geht es? 

Nach einem Einführungsvortrag inkl. Vorstellung der Ergebnisse der WIPIG-Umfrage „Netzwerk Apotheke und Selbsthilfe“ aus dem Jahr 2019 haben Sonja Stipanitz, die Patientenbeauftragte des Bayerischen Apotheker Verbandes e. V. und Dr. Helmut Schlager, Geschäftsführer des WIPIG − Wissenschaftlichen Instituts für Prävention im Gesundheitswesen der Bayerischen Landesapothekerkammer mit den Teilnehmer*innen Praxisbeispiele diskutieren und Möglichkeiten für eine sich stetig verbessernde Win-Win-Strategie erarbeitet. 

Die Folien des Vortrags von Herrn Dr. Helmut Schlager können Sie hier herunterladen: 

 

Impressionen vom Selbsthilfekongress